Bildende Kunst

    Mit trotzigen Träumen Salz in Zucker wandeln

    09.05.2023

    Dieter-Ruckhaberle-Preisträgerinnen aus der Ukraine gestalten Ausstellung in Berlin-Reinickendorf

    Ein Artikel von Helma Nehrlich

    Um skurrile und individuelle Formen der Anpassung geht es in einer jetzt eröffneten Ausstellung im Museum Berlin-Reinickendorf. Anna Scherbyna und Uliana Bychenkova, die Trägerinnen des Dieter-Ruckhaberle-Förderpreises 2022/23, sowie weitere Künstler*innen aus der Ukraine setzen sich kreativ mit ihrer „displaced home situation“ auseinander. Unter dem Motto: „Wie können wir Salz in Zucker verwandeln?“ lassen sie Besucher an „wundersamen Transformationen“ in Bildern, Texten und Tönen teilhaben.

     

     
    „Süße Schwere“ nennt Anna Scherbyna diese Installation gefundener Kleidungsstücke, die sie mit Gelatine und Zucker kandierte.
    © Helma Nehrlich
    „Süße Schwere“ nennt Anna Scherbyna diese Installation gefundener Kleidungsstücke, die sie mit Gelatine und Zucker kandierte.

    Bychenkova und Scherbyna, die beiden Preisträgerinnen, die seit März 2022 in Deutschland leben, fungieren zugleich als Ausstellungskuratorinnen. Ihre eigene Situation und die von Künstlerkolleg*innen derart produktiv zu machen hat ihnen das Dieter-Ruckhaberle-Förderstipendium in den vergangenen Monaten ermöglicht. Die Vernissage Ende April im Reinickendorfer Museum nutzten sie zu Dank und einer Art Bilanz: „Wir erkennen uns selbst als ‚privilegierte Flüchtlinge‘, aber wir wollen uns nicht damit begnügen, uns in das System einzugliedern, sondern wir wollen unsere trotzigen Träume von einer neuen Welt mit anderen teilen.“ 

    Der Förderpreis hatte den beiden jungen ukrainischen Künstlerinnen einen zweimonatigen Aufenthalt auf dem Künstlerhof Frohnau im Norden Berlins beschert. Neben konzentriertem Arbeiten in ruhiger Waldlandschaft ist hier aber auch kreativer Austausch gesichert. Anna Scherbyna und Uliana Bychenkova nutzten all das zur Vorbereitung dieser Ausstellung, die nun eigene und Arbeiten von weiteren fünf Kolleginnen und einem Kollegen vereint: Kateryna Aliinyk, Kateryna Berlova, Nastia Hrychkovska, Olexandr Jeltsyn, Valentina Petrova und Maya Schweizer.

     
    Scherbyna (l.) und Bychenkova während ihres Aufenthaltes auf dem Frohnauer Künstlerhof.
    © KayaBehkalam
    Scherbyna (l.) und Bychenkova während ihres Aufenthaltes auf dem Frohnauer Künstlerhof.

     Allen ging es darum, die spezifische Sicht der Dauerausstellung am kommunalen Reinickendorfer Museumsstandort – sie umfasst als ehemaliges Heimatmuseum ethnologische und archäologische, zeithistorische und künstlerische Exponate – aufzunehmen und kreativ zu brechen: Mit ihrer eigenen Verlust-Erfahrung blicken die Künstler*innen gemeinsam auf den hier vertretenen Begriff von „Heimat“ und kulturellem Erbe. Sie erweitern die Ausstellung im Museumshof und der GalerieEtage mit Sound- und Videoinstallationen, Texten, Fotos und Skulpturen.

    Scherbyna und Bychenkova sind die bisher fünften Gewinnerinnen des Dieter-Ruckhaberle-Preises. Die Auszeichnung richtet sich, ganz im Sinne des Namenspatrons, an professionell arbeitende bildende Künstler*innen, die in ihrer kreativen Arbeit oder parallel dazu soziale oder ökologische Themen bearbeiten. Der 2018 verstorbene Maler, Kurator, Kulturpolitiker und Gewerkschafter Dieter Ruckhaberle hatte die (West-)Berliner Kunstszene seit den 1960er Jahren energisch mitgeprägt und sich stets für bessere künstlerische Arbeitsbedingungen eingesetzt. Er initiierte verschiedene Kunstinstitutionen und internationale Workshops. Bis 1993 stand er der Staatlichen Kunsthalle Berlin als Direktor vor. Ruckhaberle war Vorkämpfer der Künstlersozialkasse und Mitgründer der IG Medien und auch später in ver.di aktiv.

     
    Das Ausstellungsplakat zu Salt and Sugar am Museum in Reinickendorf.
    © Künstlerhof Frohnau
    Das Ausstellungsplakat am Museum in Reinickendorf

    Der Förderpreis zu seinen Ehren wird seit 2019 vom Kunstamt Berlin-Reinickendorf und dem Künstlerhof Frohnau ausgeschrieben. Der Künstlerhof war Ruckhaberles letztes kulturpolitisches Projekt und eigene Wirkungsstätte, die heute auch seinen Nachlass verwaltet. Seit zwei Jahren erfolgt die Preisvergabe in einem Nominierungsverfahren aus der internationalen Kulturszene und der Endauswahl durch eine fachkundige Jury. Inzwischen steht bereits der sechste Förderpreisträger fest, es ist der iranische Künstler Nafis Fathollahzadeh. Neben dem Aufenthalt in einem voll ausgestatteten Wohnatelier auf dem Künstlerhof Frohnau – einem „Kleinod der Berliner Künstlerförderung“, wie zur Vernissage betont wurde – erhalten die Stipendiat*innen auch ein Produktionsbudget von 2.000 Euro.

    Die Ausstellung „How do we turn Salt into Sugar?“, so hofften die Kuratorinnen zur Eröffnung, werde vom Publikum auch „sehr gefühlsmäßig zu erfassen“ sein. Sie zu realisieren sei „ein Kraftakt“ gewesen, betonte der Leiter des Künstlerhofes Frohnaus Kaya Behkalam. So gut wie alle Exponate seien exklusiv für diese Schau konzipiert und neu erarbeitet worden.

     

    Die kreative Transformation von Salz in Zucker wird nun bis zum 13. August im Museum Reinickendorf gezeigt.

    • (Mo. - Fr. 9 bis 17 Uhr, Eintritt frei).

    Das Begleitprogramm bietet nach einer „Ballnacht des Exils“ ein Reihe weiterer interessanter Veranstaltungen noch im Mai an.

     

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