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Nachruf zum Tod von Hartwig Struckmeyer

Ein letztes Wort Nacht für Nacht - Hartwig Struckmeyer ist tot.
18.03.2024

Und am Ende des Tages mitten in der Nacht, wenn nichts mehr kommt, ein letztes Wort Nacht für Nacht, ein letztes Bild hingemalt, gezeichnet.

So lauten die ersten einführenden Zeilen in Hartwigs Gedichtband Blätter wehn im Wind. Das langjährige VS-Mitglied hat im Rahmen des gemeinnützigen Fördererkreises viel für die niedersächsischen und bremischen Autorinnen und Autoren geleistet. Und nicht nur für sie.

Hartwig Struckmeyer kam am 11. Mai 1934 in Bremen zur Welt und verstarb kurz vor seinem 90. Geburtstag am 3. März 2024 in Beverstedt nahe Bremerhaven. Von 1941 bis 1951 wuchs er in Stemmen (Schaumburg-Lippe) auf. Zurück in der Hansestadt an der Weser bestand er 1954 das Abitur und studierte anschließend Literaturwissenschaft, Geographie, Pädagogik und Philosophie an den Universitäten in Hamburg, Graz und Münster. Nach dem zweiten Staatsexamen wirkte er ab 1961 in Bremen als Studienrat am Gymnasium an der Hermann-Böse-Straße. 1970 übernahm er in Gelsenkirchen die Leitung einer der ersten ganztägigen Gesamtschulen der Bundesrepublik. Nachdem er Mitglied der NRW-Kommission Kollegstufe geworden war, berief ihn 1973 die bremische Senatsverwaltung für Bildung und Wissenschaft zum Oberschulrat und beauftragte ihn mit grundsätzlichen inhaltlichen und strukturellen Angelegenheiten der Schulentwicklung.

In der Bildungsbehörde engagierte sich Hartwig Struckmeyer für die Integration von allgemeiner und beruflicher Bildung im Rahmen der Entwicklung von Schulzentren des Sekundarbereichs II, entwickelte das pädagogisch-inhaltliche Konzept (PIK) für die Schulen im Bundesland Freie Hansestadt Bremen und förderte als Referent nachhaltig die Verbindung von Theater und Schule, von Schul-Theatertagen und Musikfestivals und trieb die Etablierung der Jugendkunstschule mit voran. Hartwig Struckmeyer vertrat Bremen in Ausschüssen der Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung und Forschungsförderung (BLK) und setzte sich erfolgreich für Modellversuche ein, die in der Hansestadt das Theater der Versammlung zwischen Bildung, Wissenschaft und Kunst ermöglichten und zur festen Etablierung vom MOKS-Theater für Kinder und Jugendliche führten. In einem Nachruf von damaligen Akteurinnen und Akteuren heißt es:

 

Hartwig Struckmeyer war der Schutzengel aller, die sich für die ästhetische Bildung einsetzten. Er breitet seine Flügel aus, über das Moks-Theater, die Wagenfeld-Schule, das Fach Darstellendes Spiel und viele andere musische Initiativen im Land Bremen.

WK, 9./10.3.2024

Ich lernte Hartwig Struckmeyer, der 1977 in den Verband deutscher Schriftsteller (damals in der IG Druck und Papier) aufgenommen worden war, um 1980 kennen, als ich das Amt des Sprechers der VS-Berufsgruppe Bremen inne hatte. Mich beeindruckte, dass er neben seinem Beruf eine poetische Werkstatt der Hochschule für Künste leitete und einem Lehrauftrag für Kreatives Schreiben an der Freien Kunststudienstätte Ottersberg nachging. Der Bremer Literaturpreis, der bereits seit 1954 verliehen wird und zu den ältesten und bedeutendsten Literaturpreisen Deutschlands gehört, brachte den Oberschulrat auf eine weitere Idee. Prompt begründete er 1983 den Bremer Schüler Literaturpreis für alle Altersstufen (später: Bremer Literaturpreis für Kinder und Jugendliche). Als Hartwig mich eines Tages fragte, ob ich nicht in der Jury mitwirken wolle, sagte ich zu. Der Jury gehörten für eine lange Zeit neben wechselnden Schülerinnen und Schülern und mir an: Marita Albers, Gerd Bohnen, Donate Fink, Truxi Knieriem, Ursula Menck, Lothar Paul und natürlich Hartwig Struckmeyer, der so herrliche Ausschreibungsthemen wie Mein Herz, mein Herz ist traurig (2003) und Wohin wandert all das Geträumte (1995) anregte. Gemäß der Erkenntnis: Die Lust am freien Fabulieren und am Spiel mit Worten und Sprache kann nicht früh genug geweckt werden, begutachtete die Jury in manchen Jahren an die 400 eingesandte Texte von Schülerinnen und Schülern der 1. bis 13. Klasse.

Nach seiner Pensionierung 1992 verließ Hartwig Struckmeyer Bremen. Er verzog nach Beverstedt, wo er in einer von ihm restaurierten alten Wassermühle eine Galerie für bildende Künste, Einzelausstellungen und Konzerte einrichtete und betrieb. Vor allem aber intensivierte er seine schriftstellerischen und bildkünstlerischen Arbeiten – Porträtzeichnungen, Landschaften und kleine Stillleben – enorm, arbeitete als Lektor für Belletristik im Claassen-Verlag in Hildesheim und ab 2001 als freier Lektor und Autor für den Donat Verlag in Bremen. Ab 1995 verfasste und veröffentlichte Hartwig Struckmeyer ein literarisches Werk nach dem anderen, teils angereichert durch eigenhändige Illustrationen. Es erschienen – der Reihe nach – die Bücher:

Bremen aus der Luft (Fotos Günter Schneider), Berlin 1995; (als Hg:) Ich fühle deines Herzens Schlag. Liebesgedichte, Hildesheim 1995; Gedichte – Wenn du mir einfällst, fallen mir die Worte zu, Bremen 1999; Auberginen – Eine Geschichte und ein Spiel, Bremen 2002; Der Blaue Hut, Bremen 2003, Gedichte und Geschichten, Bremen 2004; Nacht und Tag. Gedichte, Bremen 2006, Briefe aus Prag, Bremen 2007; Jacke wie Hose. Begebenheiten,  Bremen 2010; Das blaue Schaf, Bremen 2013; Alltagsbegegnungen, Bremen 2014; Das sind so Geschichten. Begegnungen im Alltag, Bremen 2017; Nachtnotizen, Bremen 2018; Blätter wehn im Wind, Hamburg 2020; Ich gehe durch den Regen. Gedichte, Hamburg 2020; Sieben Zeichnungen begegnen sich, Hamburg 2022; Verse in die Nacht geschrieben, Hamburg 2023; Nächtliche Erinnerungen. Gezeichnetes, Hamburg 2024.

 
Hartwig Struckmeyer

Hartwig Struckmeyer war ein Menschenfreund, der junge Leute ermunterte und förderte und ältere Leute nicht minder. In dem von ihm geliebten barocken Landschloss Zeilitzheim im fränkischen Weinland feierte er mit uns Freundinnen und Freunden so manches großes und unvergessliches Geburtstagsfest. Dort konnte ich ihn auch dafür gewinnen, für den Vorsitz des Fördererkreises deutscher Schriftsteller in Niedersachsen und Bremen zu kandidieren. Der eigenständige und unabhängige Verein hat die Förderung der niedersächsisch-bremischen Autorinnen und Autoren und damit der Literatur in beiden Bundesländern zum Ziel. Im August 2005 war es dann soweit – wurden Hartwig Struckmeyer als 1. Vorsitzender, Sabine Prilop als Schriftführerin und ich als geschäftsführender 2. Vorsitzender gewählt. In den folgenden zehn Jahren repräsentierte Hartwig den Fördererkreis nicht zuletzt bei Vorgesprächen und Veranstaltungen der seit 1963 durchgeführten Niedersächsischen Literaturtage. Seine Mitwirkung begann 2005 bei den 42. Niedersächsischen Literaturtagen in Stade, setzte sich 2006 in Einbeck fort, 2007 in Meppen, 2008 in Cuxhaven und 2009 – unter erschwerten Bedingungen der Finanzkrise – in Dangast. Eine besondere Bedeutung hatten für Hartwig, der 2014 aus Altersgründen den Vorstand verließ, die Niedersächsischen Literaturtage in Bückeburg, die er 2010 „dorthin geholt“ hatte. Mit den von Donnerstag Spätnachmittag bis Sonntagmorgen verlaufenden Veranstaltungen und Schullesungen in der ihm als Kind vertrauten Stadt schloss sich, sagte er, „ein Kreis meines Lebens, ohne abgeschlossen zu sein“.

In Hartwig Struckmeyers Werken geht es um erreichbare Wünsche und solche, die an der Wirklichkeit zerbrechen, geht es um Inszenierungen, Kochkünste, Vollkommenes und Unvollkommenes, um Freundschaft und Liebe, Lachen, Schreien und den Tod. In seinem Gedichtband Nacht und Tag steht: Gehst du, / stirbt der Tag, / und den Morgen / begrüßt der Tod.

Nachruf von Johann-Günther König